Baumbeurteilung vor dem Fällen: Risiken sicher erkennen

Artikel vom 15. Juli 2026
Forsttechnik, Baumpflege und Waldarbeit

Die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) erläutert, warum die Baumbeurteilung vor jeder Fällung zur Gefährdungsbeurteilung gehört. Wer mit der Motorsäge arbeitet, muss Baumhöhe, Krone, Stammverlauf, Gesundheitszustand und Umfeld prüfen, bevor die Fällrichtung festgelegt wird.

Mittels Stockpeilung kann der Fallbereich eingeschätzt werden (Bild: SVLFG).

Wer Bäume fällt, trifft Entscheidungen mit unmittelbaren Folgen. Wuchsform, Krone, Äste, Stammverlauf, Gesundheitszustand und Umgebung bestimmen, ob eine Fällung sicher ausgeführt werden kann. Die Baumbeurteilung ist deshalb Teil der Gefährdungsbeurteilung für Motorsägenführende. Was dabei übersehen wird, kann das Unfallrisiko erhöhen.

Vor der Fällung sollte der Baum möglichst vollständig angesprochen werden. Ein kurzer Blick vom Arbeitsstandort reicht nicht aus, weil Stammverlauf, Krone und Umfeld je nach Blickrichtung unterschiedlich wirken können. Besonders bei Laubbäumen sind Schwerpunktlage, Zwiesel, Starkäste oder Totholz nicht immer sofort erkennbar. Sinnvoll ist daher, Abstand zu nehmen, den Baum möglichst von allen Seiten zu betrachten und die Fällrichtung erst festzulegen, wenn die wesentlichen Merkmale beurteilt wurden. Dazu zählen Baumhöhe, Baumkrone und Äste, Stammverlauf, Gesundheitszustand, Stammdurchmesser sowie Nachbarbäume und Umgebung. Auch die Baumart ist relevant, da sich Holzeigenschaften, Fäuleanfälligkeit und das Risiko des Aufreißens unterscheiden.

Baumhöhe und Fallbereich realistisch einschätzen

Die Baumhöhe muss vor Beginn der Fällarbeiten bekannt sein, damit der Fallbereich festgelegt werden kann. Als Richtwert gilt: Der abzusichernde Fallbereich beträgt die doppelte Baumlänge. Nur mit einer realistischen Einschätzung lassen sich Sicherheitsabstände zu Kolleginnen und Kollegen, Stromleitungen, Gebäuden oder Maschinen bestimmen.

Eine einfache Methode ist die Stockpeilung. Dabei wird ein gerader Stock mit ausgestrecktem Arm senkrecht gehalten. Durch Veränderung des Standorts werden Stockspitze, Baumwipfel und Stammfuß in Deckung gebracht. Anschließend sind wegen der Augenhöhe noch einige Schritte nach hinten einzuplanen. Die Entfernung zum Baum entspricht dann ungefähr der einfachen Baumlänge.

Krone, Äste und Stammverlauf bewerten

Die Krone beeinflusst die Schwerpunktlage des Baumes. Bei Nadelbäumen mit einstämmiger Wuchsform und regelmäßigen Astquirlen ist die Einschätzung oft einfacher. Bei Laubbäumen ist die Krone variabler. Im belaubten Zustand können Totholz und Schwerpunktlage schwer zu erkennen sein; zugleich lässt sich die Vitalität gut beurteilen. Absterbende Laubbäume sollten daher im Laub erkannt und markiert werden, damit sie später im laublosen Zustand wiedergefunden werden.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen Äste und Kontakte zu Nachbarbäumen. Greifen Kronen ineinander, kann der Baum hängen bleiben. Ausladende Äste können beim Fallen zurückschleudern oder Baumteile der Nachbarbäume lösen. Bei ausgeprägtem Kronentotholz ist erschütterungsarm zu arbeiten, weil herabfallende Äste gefährlich werden können.

Der Stammverlauf zeigt, ob ein Baum als Vorhänger, Seithänger oder Rückhänger einzuschätzen ist. Zusammen mit der Kronenausprägung ist er entscheidend für die Schwerpunktlage. Risse, Beschädigungen oder Veränderungen am Stamm müssen vor der Fällung erkannt werden. Ebenso wichtig sind Rückweiche und Rückweichplatz. Ist die Schwerpunktlage unklar oder spricht sie gegen eine sichere motormanuelle Fällung, können andere Verfahren erforderlich sein, etwa eine seilwindenunterstützte Fällung.

Gesundheitszustand, Werkzeug und Umfeld einbeziehen

Der Gesundheitszustand beeinflusst, wie ein Baum geschnitten werden darf. Schäden am Stammfuß, Rindenschäden, offengelegtes Holz, Pilzfruchtkörper, Schleimfluss oder auffällige Wuchsformen können Hinweise auf Fäule sein. Bei Fichte kann ein flaschen- oder glockenartiges Erdstammstück auf Rotfäule hindeuten. Bei Eschen ist das Eschentriebsterben kritisch, weil es mit verminderter Standfestigkeit und brüchigen Ästen einhergehen kann.

Ist Fäule erkennbar, dürfen Wurzelanläufe nicht seitlich beigearbeitet werden, weil dadurch tragfähiges Holz geschwächt werden kann. Gegebenenfalls sind Schnitte höher anzulegen. Ein senkrechter Prüfschnitt am Stammfuß kann vor der eigentlichen Schnittführung Hinweise auf den Zustand im Stamminneren geben.

Der Stammdurchmesser bestimmt die Auswahl von Säge, Schienenlänge, Hauungswerkzeug und Fällhilfe. Auch Fallkerb, Bruchleiste und Bruchstufe müssen zum Durchmesser passen. Ungeeignetes oder zu schwach dimensioniertes Werkzeug erhöht die Belastung und kann unsichere Arbeitssituationen begünstigen.

Zur Baumbeurteilung gehört außerdem das Umfeld: Nachbarbäume, Hindernisse in Fällrichtung, stehendes Totholz, Geländeform, Wege, Gebäude, Maschinen und Personen. Der fallende Baum kann Nachbarbäume mitreißen, Hindernisse hochschleudern oder durch Erschütterung Schadholz lösen. Die zentrale Regel lautet daher: erst beurteilen, dann fällen.

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